Zemras Tag in der Dystopie

Ein Szenario aus dem Jahr 2061 mit den Dimensionen Wohn-/Sozialraum und Gesundheit.

#Ebersberg, #Familie, #Gemeinschaft, #Infrastruktur, #Schule & Bildung, #Technik

Autor:innen: Sylvia // Attraktor:innen: Florian

Alles ist so perfekt, so organisiert und kontrolliert. Alles ist genau so, wie man es sich immer gewünscht hat. Oder?

Ebersberg, Dienstag 16.08.2061 - 05:17 Uhr – Zemra erwacht an diesem Morgen durch das zarte Wecker-Kribbeln im Schläfenbereich, wie immer, mit leichten Kopfschmerzen. Sie ist sich sicher, dass die Kopfschmerzen eine Auswirkung des personalisierten Schlafphasen-Weckers sind, auch wenn ihr ganzes Gesundheitsteam das mit noch so vielen naturwissenschaftlichen Daten widerlegen kann. Alicia, ihre Lebensgefährtin schläft noch. Natürlich. Üblicherweise startet Alicia erst gegen halb elf in den Arbeitstag. Als Leitung der Abteilung „Innovative Sexual Intercourse“ bei „Core Technologies“ ist es ihr freigestellt zu arbeiten, wann ihr es passt. Auch ihre beiden Kinder Emma (15) und Elias (6) schlafen noch – die Schule startet angepasst an deren jeweiligen Biorhythmus erst um 09:34 Uhr bzw. 08:28 Uhr. Zemra schlendert träge ins Bad, lässt sich ihre Zähne, Haare und Make-up am vollautomatischen Waschbecken machen, zieht ihre maßgefertigten Yogaklamotten an und macht sich durch das Haus leise auf den Weg nach draußen zu ihrem Freiluft-Yoga-Pavillon. Ihr ist kalt und die unchristliche Uhrzeit stört die Vorfreude auf ihr geliebtes Yoga. „Servus Zemra! Nice Day to be a happy Yogi-Bärchen! Deine Alexa 12 Pro hat dich heute früher geweckt, weil genau jetzt deine optimale Zeit für Yoga mit dem maximalen gesundheitlichen Effekt ist. Lass uns starten“ lacht ihr die sonnengebräunte Sheshe, DIE High-Lev-Society-Yogalehrerein, übermotiviert und fast schon penetrant freundlich aus ihrem Hologramm-Gesicht entgegen. Kein Wunder, bei Sheshe am atemberaubenden Strand von Pulau Weh im indischen Ozean ist es schließlich bereits 10:37 Uhr....

Nach zwei Stunden Yoga fühlt sich Zemras Körper zwar energetisiert an und ihre Kopfschmerzen sind weg, ihre Laune allerdings bleibt gedrückt. Zurück im Haus prüft sie bei einer großen Tasse türkischem Cay-Tee routiniert die tägliche Parameterauswertung am holographischen Display des Haus- und Familien-Systems „FamSy“: die jeweiligen Level bzw. fehlenden Credits bis zum nächsten Level aller Familienmitglieder, die Blut- und Gesundheitswerte von Alicia, Emma, Elias, ihrer Eltern sowie ihre eigenen, den Lagerbestand des Kühlschranks und der Vorratskammer, den momentanen Ladestatus von Emmas BCI-Armprothese (Brain Computer Interface =gehirngesteuerte Prothese), die am Vortag verbrauchte Wasser- und Strommenge je Person und die Anzahl aller Insekten im Garten. Alles ist unauffällig gleichbleibend – wie jeden Tag. Nur die Parameterauswertung von ChARLs zeigen – wie jeden Tag – alle aufgetretenen Verhaltensaufälligkeiten von Elias. ChARLs

(die Abkürzung für „Child‘s Assisting, Regulating and Learning System“) ist die KI (künstliche Intelligenz), die Elias zusammen mit einem Online-Spezialistenteam für „förderungsfähige Kinder“ im Alltag versorgt und begleitet, insbesondere wenn Zemra und Alicia arbeiten. Das Fenster „ChARLs Daten jetzt komplett an Core-Technologies übertragen“ poppt – wie jeden Tag – am FamSy-Display auf. Zemras Stimmung sinkt weiter. Resigniert löst sie den ihr einzig zur Verfügung stehenden Button „bestätigen“ aus. Sie hasst es, Elias emotionale Ausbrüche detailliert weitergeben zu müssen, doch ihr sind die Hände gebunden. Core Technologies hat lebenslanges, unanfechtbares Recht auf die uneingeschränkte Erhebung und Verarbeitung aller gesundheitlichen Daten von Elias, seit Alicia und sie sich für die Zeugung eines Kindes mit einem IOTU- Implantat (intelligent ovum transmutating unit) von Core Technologies entschieden haben.

Elias ist eines der IOTU-Kinder erster Generation, d.h. ein quasi „natürlich gezeugtes“ Kind gleichgeschlechtlicher Eltern. Zur Zeugung von Elias wurden die Eizellen von Alicia durch ihr IOTU-Implantat noch in Alicias Körper in genoptimierte Spermien transmutiert und im Zeugungsakt gezielt zur Ver- schmelzung mit Zemras Eizellen gebracht. Wenn Zemra jetzt über diese sehr technologische und wenig liebevoll-erotische Zeugung von Elias nachdenkt wird sie immer traurig, weil sie zweifelt. Vor knapp sieben Jahren erschien ihr IOTU als revolutionäre Core-Technologie, noch als die erfüllende Möglich- keit mit Alicia eine „echte eigene Familie“ zu gründen, insbesondere nach der desaströsen und schlussendlich schmerzhaften Liebschaft mit Emmas Vater. Jetzt empfindet Zemra all das als versprochene, aber zerschlagene Utopie.

Heute besonders niedergeschlagen von der immerwährenden Lieblosigkeit in ihrem Alltag und beständigen Belastung durch Elias nervenzehrenden Stimmungsschwankungen, beschließt Zemra ChARLs heute bereits vor ihrem Arbeitsbeginn zu starten. Die KI soll Elias für die Schule fertig machen, auch wenn sie eigentlich noch mehr als eine Stunde Zeit hat, bevor ihr Arbeitstag als Community Health-Managerin zur Aufarbeitung der Anliegen und Beschwerden der High-Lev-Gesundheitssystem-Kunden startet. Zemra hat bis dahin nichts zu tun. Das Mittagessen hat die Küche bereits geplant: Heute gibt es regional-Bioburger mit Heuschrecken-Patty und Kohlrabi-Pommes. Der Herd wird um 12:30 Uhr alles fertig zubereiten und die Mahlzeiten im Esszimmer bereitstellen. Die notwendigen Lebensmittel und Verbrauchartikel für morgen sind auch schon bestellt. Das Hygienesystem hat unbemerkt über Nacht alle Wäsche gewaschen, alle Räume sind geputzt und ordentlich aufgeräumt. Der Gartenanteil des Anwesens blüht und gedeiht – die Pflanzen sind frisch gedüngt und der Rasen ist makellos gemäht. Alle Roboter haben ihre Aufgaben mit Bravour erledigt.

Zemra könnte Emma persönlich aufwecken, doch das mag ihre 15jährige nicht. Insbesondere nicht zu Uhrzeiten, die Alexa 12 Pro nicht anhand von Gesundheitsdaten ermittelt hat. Also lässt Zemra es bleiben. Sie betritt den VR-Raum (virtual reality) und geht barfuß noch eine Stunde auf den

Bahamas am Strand spazieren, bevor ihr erster Arbeits-Call ansteht.

Beim Abendbrot, der einzige Zeitpunkt des Tages, an dem alle Familienmitglieder von Angesicht zu Angesicht am Tisch sitzen, wird über die „Highlights des Tages“ gesprochen. Das Haus- und Familiensystem zeigt dazu, für alle gut sichtbar, die automatisch generierten „Bilder des Tages“ jedes Familienmitglieds. Erzählen muss jedoch jeder selbst, da die automatische Tageszusammenfassung abgestellt ist. Dieses Vorgehen hat Zemra seit Elias Geburt vehement durchgesetzt, auch wenn Sie von ihrer Familie immer wieder Gegenwind dazu bekommt.

Nach dem Essen trennt sich alles wieder recht schnell auf: Zemras Eltern gehen in ihre Haushälfte zurück, Alicia geht nochmal arbeiten, ChARLs führt Elias durch seine Beruhigungszeremonie vor dem Schlafen, Emma beschäftigt sich wissbegierig mit neuartiger Gesundheitstechnology und Zemra bleibt zurück, mit viel Zeit für den VR-Raum, bis sie schließlich zu Bett geht.

Ein Tag wie jeder andere also.