Ohne Frauen ist kein Staat zu machen

Ein Szenario aus dem Jahr 2061, ein Paradies von von gelebter Basisdemokratie, Umweltbewusstsein, moderner, umweltfreundlicher Technologie.

#Ebersberg, #Gemeinschaft, #Gleichberechtigung, #Klima & Umwelt, #Politik, #Technik

Autor:innen: Claudia // Attraktor:innen: Kerstin

Der russische Aupair Sergej erlebt eine wahrgewordene Utopie in Ebersberg

Sergey blickt versonnen aus dem runden Bullauge im 12. Stock des Windrades auf das verschlafen wirkende Ebersberg. Die Wolken am Himmel zeichnen ein Muster aus Licht und Schatten auf die Gewächshäuser und Farmen, die Ebersberg wie ein dichter Gürtel umgeben.

Die Windräder, die jetzt einen Großteil des Wohnraumes in Ebersberg stellen, fügen sich nahtlos in die Landschaft ein.

Vor ihm dreht sich langsam und einschläfernd der dreiblättrige Rotor. Ein Teil des erzeugten Stroms bleibt gleich im Haus und treibt Rikschas, Fahrräder, Fernseher und Kühlschränke an. Die Mauern der Windräder sind außen mit dünnen Sonnenkollektoren tapeziert, die für Heizung und Warmwasser sorgen. Sie speisen auch das Schwimmbad, das auf dem Dach jedes Windrad-Hauses hinter den Rotoren eingebaut ist. Im Winter wird es überdacht und sorgt zu allen Jahreszeiten für Erfrischung. Daneben und im Stockwerk darunter liegen auch Fitnessraum, Sauna und Jacuzzi. Sergej fällt ein, dass seine Trainingseinheit heute ansteht.

Einige Massai treiben mit gleichgültiger Lässigkeit ein Herde Rinder auf die nächste Weide. Der angrenzende Ebersberger Forst strahlt in sattem Grün. Die hohen, dichten Bäume wiegen ihre Äste im lauen Wind. Darüber wölben sich weitere Windräder. Alles strahlt Ruhe aus.

Er muss unwillkürlich an seine Reise von Russland nach Deutschland denken. Wie unwirklich ihm damals diese Utopie erschien, und doch ist sie Realität. Gelebte Basisdemokratie, Umweltbewusstsein, moderne, umweltfreundliche Technologie. Alles Tatsachen, die zuhause in Russland als Utopie abgetan und verspottet wurden.

Dann die Möglichkeit in dieses Paradies einreisen zu dürfen.

Ein Traum ging in Erfüllung.

Ebersberg, umringt von den Wohntürmen der Windräder. Keine hupenden und stinkenden Fahrzeuge, sondern Fahrräder für

alle. Rikschas wenn man es geselliger mag. Eine Vielfalt an Menschen aller Hautfarben und Ethnien.

Dafür gesorgt hatte die UNO. Seit sie nach Paris umgezogen war, hatte sie in allen größeren Gemeinden und Bezirken Europas Zweigstellen gegründet, um Menschenrechte und globale Fairness sicherzustellen. Leider nicht in Russland.

Es wird langsam heiß. Die Sonne brennt sich durch die Wolken.

Der Klimawandel zeigt auch hier seine Wirkung. Aber anders als in Russland hat man sich vorbereitet. Die Wälder wurden über Jahre angepasst, neue Pflanzen kontrolliert angesiedelt. Der Wasserverbrauch wurde drastisch, mit Hilfe von Gewächshäusern und Rieselbewässerung, gesenkt. Der Wasserkreislauf ist jetzt fast zu 100% geschlossen. Allerdings musste er sich auch erst einmal an die Kompost-Toilette gewöhnen, bei der einem die Kompostwürmer von unten zuschauen.

Ihm gefällt es hier in Ebersberg. Jeder hat seinen Platz in der Gesellschaft und wird für seine Arbeit und sein Engagement geschätzt.

Die ansässigen Asiaten aus den verschiedensten Ländern, darunter viele Rohingja aus Myanmar (Burma), stellen ihre Geschäftstüchtigkeit unter Beweis. Sie betreiben den ehemaligen Baumarkt, welcher in ein riesiges Gemeinschaftsgewächshaus umfunktioniert wurde. Darin hat jede Familie ihre eigene Parzelle in einer der vielen Reihen von Hochregalen, in denen ihr Gemüse wächst. Der lokale Supermarkt und der gemeinschaftliche Geräte- und Konsumgüter-Pool wird zum großen Teil von den Kindern und Enkeln der aus Afghanistan geretteten Frauen geführt. 500.000 afghanische Mädchen und Frauen, die sich entschieden hatten, lieber ihre Familien und ihr Land zu verlassen, als erneut unter den Taliban zu sterben, waren in den Jahren 2022-2025 in einer großen Luftbrücke in die EU gebracht worden.

Die Massai haben die Rinderzucht übernommen, die nicht mehr nur der Fleischgewinnung dient, sondern auch Rohstoffe wie Dünger und Leder liefert.

Etwas klischeehaft wirkt, dass sich die ansässigen Mitteleuropäer vorrangig der Verwaltung und der Umsetzung der gelebten Demokratie widmen. Obwohl auch sie in allen anderen Berufen anzutreffen sind.

Wie bunt dieser Ort ist, wie prall von Leben und Anerkennung gefüllt er auf Sergey wirkt.

Was gibt es denn schöneres als in dieser intakten Landschaft zu arbeiten oder spazieren zu gehen und zum Abschluss des sechsstündigen Arbeitstages den Koi Karpfen bei ihren langsamen Runden im Langweiher zuzusehen.

Auch die Form der Mitbestimmung ist ihm vollkommen neu.

Erst letzte Woche wurde ein Antrag zur Einwanderungspolitik gebilligt, ohne dass daraus gleich polemische Hetze entstand. Jeder kam zu Wort und am Ende stand ein einvernehmlicher Entschluss.

In seiner alten Heimat wäre das bis vor kurzem undenkbar gewesen. Doch vorige Woche hat er in den Nachrichten gehört, dass jetzt auch Russland einen Antrag auf Aufnahme in die EU gestellt haben soll.

Ebersberg wird, wie schon 2136 andere Orte in Deutschland, Geflüchtete im Rahmen des Global Resettlement Program der Vereinten Nationen aufnehmen. Die Menschen werden aufgrund ihrer Schutzbedürftigkeit in den Lagern ausgewählt, kommen mit dem Flugzeug in München an und beziehen bezugsfertige Wohnungen in den Gemeindebauten der Stadtteile Friedenseiche, Hupfauer Höhe und Anzinger Siedlung. Sergej hat gehört, dass die ersten Flüchtlinge aus Auffanglagern in der Mongolei bald erwartet werden.

Unter ihm fährt eine Rikscha vor und eine der Bewohnerinnen steigt beladen mit ihren Einkäufen aus. Sergej sieht an der buntbedruckten Papptüte in ihrer Hand, dass es heute bei der Nachbarin frittierte Wespen und Libellen geben wird. Er für seinen Teil zieht Termiten ja vor. Aber ab und zu hat er schon noch Lust auf ein gegrilltes Stück Schweinefleisch. Da muss dann eines der Hausschweine geschlachtet werden, die mit den Familien leben. Die Gelegenheit ist selten, denn die Hausschweine sind geliebte Haustiere. Manche sind so schlau, dass sie rechnen können.

Jetzt ist gleich Zeit zum Abendessen. Sergej muss runter zur Familie der Landrätin, bei der er zur Zeit als Au Pair lebt. Ein bisschen mulmig ist ihm ja. Denn heute will er ein ernstes Gespräch mit Rafael führen. Der Sohn des Hauses hat ihm Avancen gemacht, ihm auf vielerlei Weise seine Verliebtheit gezeigt. Hier in Ebersberg ist das ganz normal. Frauen- und Männerpärchen gehen Hand in Hand, küssen sich leidenschaftlich auf dem Marienplatz.

Das ist Sergej unheimlich, in Russland war Homosexualität noch vor wenigen Jahren verpönt. Ein wenig reizt es ihn schon, mit Rafael den Sprung in eine Beziehung zu wagen, aber richtig fasziniert ist er von Luisa. Sie kann sich völlig abschotten vom Trubel der Familie, macht mit vollendeter Grazie stundenlange Yoga-Übungen und ist gerade darum der Fels in der Brandung. Selbst Theresa, die energische Landrätin, versucht so oft es geht, einige der Übungen mitzumachen. Diese Erdung, dieses Fließen, gibt ihr neue Kraft vor anstehenden Entscheidungen.

So möchte Sergej auch werden. Es gibt so viel zu lernen von Luisa, da kann er nicht gleichzeitig Rafael gerecht werden. Vielleicht später einmal. Früher, in Russland, ist Sergej manchmal in die Kirche gegangen. Doch die starren Regeln, der Altmännerprunk, stießen ihn ab.

Hier in Ebersberg ist Religion etwas völlig anderes. Es gibt Gemeinschaften, aber keine Kirche mehr. Im Grunde hat jeder seine oder ihre eigene Religion, sucht den Austausch und die Inspiration mit den vielen Kulturen, die es im Landkreis gibt.

Ebersberg war ja über Jahrhunderte ein katholischer Wallfahrtsort. Wenn er den Älteren so zuhört, vor allem Theresas und Rafaels Großmutter Lena, glaubt er zu verstehen, was das entscheidende Datum war, das in den 20iger Jahren die Entwicklung zu diesem sicheren Ort möglich gemacht hat. Es waren nicht die gemeinsamen Anstrengungen gegen die Klimakrise, nicht die vielen Geflüchteten und Einwanderer, die heute Ebersberg mit prägen, es war die Entscheidung des Papstes 2025, die katholische Kirche aufzulösen und alle ihre Reichtümer der UNO zu übergeben. Mit einem einzigen Hieb zerschlug er das männerbündlerische System der Kirche, das immer und zuallererst gegen die Frauen gerichtet war. Die Wellen dieses Ereignisses pflanzen sich immer noch um die Erde fort, sie führten zur Erosion der Herrschaft aller männlichen Religionsführer, sei es im Islam, Hinduismus, Buddhismus oder Judentum. Überall waren die Spitzen“manager“ der Religionen aussschließlich männlich gewesen. Ihr allmähliches Ende führte zu der Erkenntnis, dass der Hauptkonflikt auf Erden immer der zwischen Männern und Frauen war. Die Hinwendung zum weiblichen Prinzip mündete im Frieden, Frieden mit der Natur und Frieden unter den Nationen, die allmählich verschmolzen. Selbst Norddeutschland akzeptierte im Jahr 2046 eine bayerische Kanzlerin, zufällig aus dem Landkreis Ebersberg. Hauptsache, eine Frau. Als letzte auf dem Planeten gaben auch die afghanischen Taliban auf. 2055 war das. Denn ohne Frauen ist kein Staat zu machen.