Jean-Paul: Abgehängt​

Ein Szenario aus dem Jahr 2050 mit den Dimensionen: Gewinnmaximierung - Digitale Teamarbeit

#sonstige Orte, #Arbeitswelt, #Technik

Autor:innen: Luca // Attraktor:innen: #2

Individuen sind zu Daten geworden, Daten beherrschen alles. Automatisierung und künstliche Intelligenz haben zu einer krassen Veränderungen der Berufswelt geführt, zahlreiche neue Jobs kreiert und gleichzeitig traditionelle Jobs und Arbeitsweisen ad absurdum geführt. Eine Welt ohne Moral. Futuristisches Stadtbild, wenig grün, wenig öffentlicher Lebensraum. Man trifft sich in der Virtuellen Welt, zu Meetings, zum Shoppingerlebnis, auch privat. Staatliche Unterstützungsleistungen gibt es nicht mehr, vor den wenigen deutschen Megastädten haben sich Slums entwickelt, in denen vor allem Ältere, Kranke und Arme leben.

Ein Tag aus dem Leben von Jean-Paul, 49 Jahre, Personalleiter bei einem großen, deutschen Online Einzelhändler 

Mittwoch, 29. Februar 2040 in Hamburg

Jean-Paul drückt auf die fünfte Etage und blickt auf seine vibrierende Uhr, die ihn an das bevorstehende Managermeeting in VRR02 erinnerte und ihm gleich die aktualisierte Agenda vorlas. Zum dritten Mal in dieser Woche geht es nun schon um die mangelnde „Privacy und Datensicherheit“ der Teamerkennungssoftware. Irgendwo musste ein Leck sein oder sie waren von den Amerikanern oder den Chinesen oder wen auch immer gehackt worden, da ist sich Jean-Paul sicher. Wie er gleich seinen Kollegen das aktuelle Gutachten des Algorithmen-Versicherers erklären soll, ist ihm ein Rätsel... „Ein Desaster für die Firmengruppe!“, hört er Wagner jetzt schon brüllen.

Bis vor drei Wochen lieferte das Monitoring stets exakte und veritable Daten über Kompetenzen und Bedarfe im Unternehmen, Informationen für Transformationsprozesse und gezielte Maßnahmen zum Kompetenzaufbau in Teams... und die Erkenntnisse lassen sich umgehend in die Algorithmen einbauen. Nicht einmal Oliver von Tuchov, der neue Leiter der Abteilung „Digitale Arbeitswelt“ findet die Lösung. „Auch einer von den überbezahlten High Potentials, die man über über Algorithmen gefunden hat“, sinniert Jean-Paul. Die zur FELIX-Gruppe gehörende D.ventures sucht weltweit nach cleveren Gründern auf dem D-Commerce- und Technology-Markt und investiert, auch per Algorithmen, in aussichtsreiche Startups. Damit will sich das Unternehmen einen frühzeitigen Zugang zu Ideen, aussichtsreichen Geschäftsmodellen und auch zu hochspezialisierten KI-Nerds sichern, die dann für horrende Summen eingekauft werden.

Trotz der aktuellen Probleme ist Jean-Paul immer noch begeistert von seiner Lösung, vor allem wie leicht sich Erfahrungswissen sinnvoll in die KI-Personalsysteme integrieren lässt. Die Sorge vor Überwachung und prädiktiver Vermessung war nie eine Sollbruchstelle. Gemeinsam mit Clarissa, der Vorgängerin von Tuchov und dessen „Intimfeindin“ seit Studientagen, hatte er einen innovativen Aushandlungsprozess entwickelt zur Definition der Ziele und Grenzen des KI-Systems, die Folgen für die Beschäftigten, Qualifizierungsanforderungen und Belastungswirkungen sind optimal abgeschätzt und berücksichtigt und auch für die nötige Akzeptanz hatten seine Kommunikationsmaßnahmen gesorgt. Und plötzlich liefern die Sensoren fehlerhafte Daten über Mimik, Gestik, sprachliche Äußerungen und diverse Biosignale der Teammitglieder, die direkt an den Schnittstellen ausgewertet werden. In der Regel lässt sich dann schnell klären, woran ein Problem im Projekt liegt oder wo es im Team hakt. In diesen Fällen geht ein automatisch generiertes Maßnahmenpaket direkt an die Geschäftsleitung, die umgehend für die Umsetzung zu sorgen hat.

Der Algorithmus, der die Stärken und Schwächen der Teammitglieder ebenso berechnet wie die Höhe ihres Wohlfühlfaktors im virtuellen Raum, setzt auf eine ausgewogene Besetzung, auf die richtige Größe, die notwendigen Kompetenzen für Leistung und Problemlösungen. Gemessen wird natürlich auch, ob jedes Mitglied im virtuellen Projektteam genügend Energie und Optimismus schöpft und wie sich im Laufe des Projekts Einsatz und Engagement entwickeln. Den Grad ihrer Motivation und Identifikation mit dem Unternehmen nicht zu vergessen. Seit Jean-Paul für die Personalabteilung verantwortlich ist, gab es nie Probleme, außer beim letzten Stromausfall, als alle Systeme von einer Sekunde auf die andere runterfuhren. Und jetzt verschwinden Daten einfach, werden falsch verknüpft und anderen Projektteams zugeordnet oder gleich an die falschen Leute verschickt.

Die Gesichtserkennung öffnet die Aufzugstüre in der fünften Etage. Alles still. Er ist wieder mal der Einzige in der Unternehmenszentrale. Mittlerweile hätte er sich an die Stille gewöhnen müssen... und trotzdem läuft ihm jedes Mal auf dem Weg über den langen Flur ein Schauer über den Rücken. Die Firmengruppe belegt nur noch dieses Stockwerk des alten Firmengebäudes, der Rest ist vermietet, an Start-ups, Agenturen, und unzähligen Co-Working-Gruppen, die bei einem Kreativprozess immer noch auf Face-to-face setzen. Auf dieser Etage gibt es nur noch Büros für die Geschäftsleitung, EDV- und Technikräume und drei unterschiedlich große Konferenzräume mit allen Voraussetzungen für digitale Meetings, Konferenzen und Events, freiberufliche Kamerateams und Techniker werden bei Bedarf hinzugebucht. Auch die eigenen Co-Working-Spaces stehen meistens leer, was Jean-Paul bedauert, weil es für viele Leute ein echter Motivationsboost sein könnte, gemeinsam darin zu arbeiten.

Jean-Paul hat die Räume nicht nur State-of-the-art eingerichtet, sondern mit viel Liebe zum Detail. Das Ergebnis: ein Fitnessstudio, ein Meditationsraum, ein nüchternes Loft und ein „Spielplatz“, den er hin und wieder mit einer Kollegin besucht. Sein Highlight aber ist die gemütliche große Wohnküche, die er für alle Schulungen der Teamleiter benutzt. Wenn es um den Aufbau einer Vertrauensbasis geht, setzt er nach wie vor auf traditionelle Methoden. Er holt die weltweit besten Seminaranbieter nach Hamburg, damit sie seine Teamleiter lernen, wie man Vertrauen aufbaut, Teammitgliedern Aufmerksamkeit schenkt und das Teamerlebnis in den Mittelpunkt stellt. Letzteres wird im Projektalltag leider nur allzu gerne vergessen, für Jean-Paul ein absolutes NoGo. An manchen Tagen sehnt er sich an die „Team-Präsenzzeit“ zurück, anstatt nur noch auf virtuelle Kollaboration im Metaversum zu setzen. Davon will die Geschäftsleitung, und vor allem Tuchov, aber gar nichts wissen. Schließlich ist man jetzt endlich in der Liga der Multichannel-Commerce-Riesen angekommen.

Erst gestern stand wieder in der Presse, dass es das Unternehmen nach Jahrzehnten geschafft hat, sich auf sein Kerngeschäft zu konzentrieren und damit satte Gewinne einzustreichen. In keinem anderen deutschen Traditionsunternehmen sei die rastlose Furcht, den Anschluss an die Digitalisierung zu verpassen, über die Jahre so fühlbar gewesen wie bei der FELIX-Gruppe. Als er zum Unternehmen wechselte, zuerst als Leiter der Kommunikationsabteilung, war im nicht klar, wie viele Altlasten noch aus Katalogzeiten transformiert werden mussten. Und das in den 2030ern! Wie das passieren konnte, ist ihm nach wie vor ein Rätsel.

In seinem ersten Treffen mit den Managern, erinnert sich Jean-Paul, hatten sich eine Reihe hochqualifizierter Digitalmanager und D-Commerce-Experten gegenseitig mit Ideen überboten, jeder wollten alle Probleme des Handels gleichzeitig lösen, alle buhlten um Investitionen und überall wurde Geld reingesteckt. Wahllos. Amazon & Co waren längst davon geeilt und machten alleine in Deutschland mehr Umsatz als die gesamte Gruppe weltweit. Erst mit der Perfektionierung der Machine-Learning-Algorithmen ging es bergauf und die neueste Version ihres Digital-Shoppingassistent wird der Renner auf dem D-Commerce-Markt, das ist schon mal sicher. Jetzt brauchen wir nur noch eine exzellente Marketingstrategie, mit allem, was dazu gehört, besser als alles zuvor.

Er erinnert sich noch gut an den schleichenden Prozess, wie sich die große Macht der KI in die Arbeitswelt quasi einschlich. Im Rückblick verlief es dann doch schneller und disruptiver, als vorausgesagt. Da kam von einem Tag auf den anderen eine neue Version einer längst im Unternehmen bekannten Software dazu, und dann eine weitere und noch eine... es war ein fließender Übergang, den man kaum wahrnahm. Immer mehr Funktionen und Arbeitsprozesse wurden zunächst durch KI ergänzt, dann erweitert und dann nach und nach geschluckt. Viele Neuerungen hatten die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gar nicht bemerkt, weil sie abseits des Tagesgeschäfts stattfanden, in Bereichen, in denen sie keinen Einblick haben. Es wurden neue Leute für ein neues Projekt eingestellt, darunter KI-Spezialisten, die fast jedes Gehalt bekamen... Und heute heißt es, je klüger die Maschine, desto weniger gut ausgebildet müssen die Menschen sein, die damit arbeiten. Und desto geringer sind die Personalkosten. Für Jean-Paul eine Mär der Neuzeit.

Mit einer Tasse EarlGrey in der Hand geht er in den Konferenzraum 502K. Er sieht, dass sich die Übertragung der Teamsession gerade aufbaut, so dass er sich noch einmal strecken und entspannt zurücklehnen kann, er schließt die Augen und atmet ein paar Mal tief ein, um sich auf die kommende Diskussion einzustimmen, die sicherlich bis zum späten Nachmittag gehen wird. Auf den Spaziergang zum Kietz und den Drink in der Gin-Bar seines Jugendfreundes freut er sich schon jetzt. Die benötigten Unterlagen und Informationen, die er für dieses Meeting braucht, liegen schon geöffnet auf einem der Bildschirme. Er begrüßt alle und will gerade anfangen, als Tuchov sich noch mit einer seiner üblichen Entschuldigungsfloskeln einloggt, wie immer als letzter und nicht einmal im Businessoutfit, amüsiert sich Jean-Paul, obwohl das im VRR-Manual ausdrücklich gefordert wird.  "Dieser A..., wenn der nicht bald selbst über seine Überheblichkeit stolpert und gefeuert wird, dann sorge ich dafür... war Tuchov nicht in irgendwelche dunklen Geschäfte mit den Russen verwickelt, als er bei dem Zahlungsdienstleistungs-Unternehmen war...", fällt Jean-Paul ein, bevor er sein Dokument hochlädt und den Bildschirm teilt.
(Forts. folgt)