Georg: Ein wahrer Gentleman​

Ein Szenario aus dem Jahr 2048 mit den Dimensionen: Global - Nachhaltig

#sonstige Orte, #Gemeinschaft, #Gesundheit & Ernährung, #Mobilität, #Technik

Autor:innen: Hubertus // Attraktor:innen: #1

Eine Welt in der grenzenloses Reisen einen hohen Stellenwert hat, allerdings mit grünen oder virtuellen Transportmitteln, etliche Möglichkeiten von interkulturellen Erfahrungen und Austausch, grenzenlose Möglichkeiten zu Reisen, Kultur und Politik. Geschäfte, die gewinnoptimiert und nachhaltig sind, ohne schlechtes Gewissen. Virtual Reality spielt in allen Bereichen eine große Rolle. Eine Verlangsamung im Leben findet statt, nimmt Druck raus. Es gibt genug reichhaltige Nahrung für jeden.

Ein Tag im Leben von Georg, 35 Jahre, Down-Syndrom

Samstag, 08. August 2048 irgendwo zwischen Deutschland und der Schweiz

Georg ist ein Gentleman, sozusagen ein Mann der „alten“ Schule. Ein Mann, den Frauen lieben, nicht nur, weil er freundlich und stets höflich den Vortritt lässt und die Tür aufhält. Sein Humor ist einzigartig, immer ein wenig kindlich, aber das macht ihn gerade so unglaublich sympathisch und anziehend. Und Georg sprüht vor Lebensfreude und Energie, und er liebt die Frauen. Er sei ein kleiner, aber feiner „Don Giovanni“, kokettiert er bei jeder Gelegenheit und zitiert dann lachend die berühmte Stelle aus Leporellos Arie:

„In Italien sechshundertundvierzig, 
hier in Deutschland zweihundertunddreissig,
hundert in Frankreich und neunzig in Persien,
aber in Spanien schon tausendunddrei.“

Georg ist nicht besonders groß, 1,60, und hat Down-Syndrom, was ihn aber keinesfalls einschränkt oder behindert. Nur manchmal nerven ihn stirnrunzelnde Blicke. Sobald Georg nach seinem Beruf gefragt wird, sagt er stolz, dass sein Beruf seine Berufung sei und er sein Geld als Tierpostkartenmaler verdiene. Er liebt es, die ganze Tierwelt auf Papier festzuhalten, alles was sich in der Luft bewegt, am Boden oder unter Wasser lebt, mit Wasserfarben, Tusche, Bleistift... mit allem, was er gerade zur Hand hat. Auch solche, die vor seiner Zeit ausgestorben sind. Georg verkauft sie auf der Straße, weil seine Motive in der digitalen Welt nicht so gut rüberkämen und es außerdem viel netter sei, mit den Menschen über die Schönheit und Einzigartigkeit der Natur zu plaudern. Die Geschichten, die ihm die Menschen erzählen sind schön, manchmal traurig oder absurd. Oft erzählen sie aus einer anderen Zeit, die Georg nicht kennt und von Ländern, die er noch nie gesehen hat. Dann zückt er ganz schnell sein Reisenotizbuch und plant schon seinen nächsten Trip. Er führt genau Buch über seine vielen Reisen. Ja, er will die ganze Welt kennen lernen, alle Tiere selbst sehen, um sie malen zu können. Georg hat noch eine Leidenschaft. Er kennt die fantastischsten Speisen aus aller Welt und kocht gerne. Seine Küche ist voll mit uralten Kochbüchern, geschenkten, gefundenen und vererbten, und mit seinen Notizbüchern, in den er die leckersten Rezepte aus allen Ländern dieser Welt sammelt.

Kaum zu glauben, aber mit Tierpostkarten kann man richtig viel Geld verdienen. Georg zumindest. Für seine Verhältnisse. Denn Geld interessiert ihn ganz und gar nicht, überhaupt hat er keinen Bezug zu materiellen Dingen. Er braucht nicht viel zum Leben und außerdem stammt Georg aus einer sehr wohlhabenden Familie, die seit Jahrzehnten ihr Vermögen mit alternativen Rohstoffen macht und gut für ihn sorgt. Seine Eltern sind tot. Umgekommen bei einem Flugzeugabsturz. Als eine französische Airline mit einer brasilianischen karambolierte.

Das kann heute nicht mehr passieren, grübelt Georg, weil es keine Flieger mehr gibt, die die Luft verpesten und Menschen ums Leben bringen, weil sie am Himmel zusammenstoßen, weil es zu viele sind, weil Systeme zusammenbrechen... Georg war noch klein, als es passierte und er erinnert sich nur zu gut an die vielen Tränen und Ängste, vor allem nachts. Das war eine schreckliche Zeit für ihn und seine vier älteren Brüder. Aber er hat unzählig viele Tanten und Onkel, Cousinen und Cousins, Freunde der Eltern und fürsorgliche Nachbarn. Und jetzt hat er sogar schon zwei Nichten und drei Neffen, mit denen er viel Zeit verbringt, am liebsten auf den Naturspielplätzen auf den Dächern der Stadt.

Charlotte, Ida, Franz, Hubertus und Alexander besuchen ihn oft mit ihren Eltern in seiner kleinen Kommune auf dem alten Vierkanthof am Rande seiner kleinen Stadt. Kein echter Bauernhof, wie man ihn von alten Fotografien her kennt, die waren nicht nachhaltig genug. Heute baut man anders. Ökologisch nachhaltig optimiert was Energie, Wasser und Abwasser angeht, mit natürlichen und wiederverwertbaren Baustoffen und Bauteilen und einem Lebenszyklus von 200 Jahren, und äußerst „smart“ natürlich. Dann sitzen alle an seinem großen Esstisch in der Wohnküche, glücklich und lachend, das gute Essen und die raffinierten Kreationen von Georg lobend. Er sei ein Haubenkoch, schwärmt dann sein ältester Bruder, der immer wie ein Vater für ihn war. Und Georg strahlt von einem Ohr zum anderen. Und manchmal besteigen sie an einem der Sonntage gemeinsam noch sein „Traveljacket“, der ganze Stolz von Georg, und begleiten ihn auf einer seiner virtuellen Weltreisen. Den Kindern glühen die Backen, wenn sie mit ihm auf Spurensuche gehen, ganz egal, ob sie ein Wildschwein oder eine Maus aufspüren, den Spuren eines Nashorns oder eines Schneeleoparden folgen. Wenn sie dabei sind, steckt immer eine Extraration Proviant und leere Postkarten in seiner braunen Umhängetasche und fünf kleine Ferngläser.

Heute wacht Georg in der transsibirischen Eisenbahn in den Armen einer bildschönen Frau auf, sieht aus dem Fenster, räkelt sich und ist kurz verwundert, wo er schon wieder unterwegs ist in dieser wunderbaren globalen Welt. Georg fühlt sich an diesem Tag als sorgenfreier Tierpostkartenmaler und lässt sich im Speisewagen um 11.00 Uhr seine Leibspeise „Toast Brot mit Ei und Kaviar“ bringen. Dazu einen Orangensaft mit Eiswürfeln. Georg ist sehr spendabel und lädt gerne Leute um sich herum ein, so passiert es auch wieder hier im Speisewagen.

Fröhlich zückt er seine Postkarten, die er in solchen Momenten wie durch ein Wunder oder ein inneres Licht zum Leuchten bringen kann. Im Nu ist er mit den drei Tischnachbarn im Gespräch, erzählt von seinen jüngsten Reisen und bringt tatsächlich dreißig seiner Tierpostkarten an den Mann, ganz besonders wertvolle sogar. Dreißig seltene Tiere, die noch vor drei Jahrzehnten vom Aussterben bedroht waren. Die Münzen dafür streicht er sanft in seine Jackentasche. Der alte Herr neben ihm bedankt sich überschwänglich: „Georg, sie sind ein Geschenk! Ich habe noch nie eine Saigaantilpe gesehen. Wie hübsch die ist!“ Immer mehr Fahrgäste kommen in den Speisewagen, angezogen von dieser warmen Atmosphäre, setzen sich dazu oder bleiben mit einem Glas Wein stehen. „Kennen Sie einen Lemur Katta? Er stammt aus dem Südwesten von Madagaskar...“, vernimmt Georg von rechts. Er will antworten, aber das Stimmengewirr um Tiergeschichten ist undurchdringbar. Er nippt an seinem Organgensaft und ist begeistert.

Nach dem Mittagessen bricht er auf, verabschiedet sich höflichst von allen Fahrgästen. Auf dem Weg zum Abteil schaut er neugierig nach links und rechts, wer dort sitzt und führt mit fast allen Reisenden in den Abteilen intensive Gespräche. Positives Lachen, rote Bäckchen, Georg zieht die Personen in seinen Bann und in seine Welt. An der Zugspitze sammeln sich ein paar Kinder um ihn und er erzählt von seinem Gemüse- und Kräutergarten, in dem die seltensten Sorten wachsen, und er erzählt voller Stolz von seiner Kochkunst, natürlich in einer kindgerechten Art.

Der Zug hält am Baikalsee und Georg sprintet der Nase nach in eine Markthalle. Es duftet nach Berberitzen, wildem Thymian und Sachan Daila... und verschiedensten heimischen Leckereien. Und er findet ein altes russisches Kochbuch mit persönlichen Anmerkungen der Vorbesitzerin, genau das, was er schon immer haben wollte. Georg schlendert durch die Straßen und Märkte, verschenkt dann und wann eine Tierpostkarte. Die Lebensmittel sind erschwinglich und er deckt sich und sein ganzes Abteil mit Früchten, Nüssen und Getränken ein. Er sitzt am Fenster, draußen wird es langsam dunkel. Er will noch nicht schlafen, er will die vielen Eindrücke von heute noch mit jemand teilen und bleibt mit Jaque, einem Pariser Friseur, bis tief in die Nacht an der Bar im Speisewagen hängen, bevor er mit einem zufriedenen Lächeln in seinem Schlafabteil verschwindet.