Fara: Survival of the fittest​

Ein Szenario aus dem Jahr 2121 mit den Dimensionen: Individualismus - keine Religionen/Spiritualität

#sonstige Orte, #Arbeitswelt, #Gemeinschaft, #Gleichberechtigung

Autor:innen: Rudi // Attraktor:innen: #3

Absoluter Hang zur Selbstverwirklichung; rücksichtsloser Egoismus; wirtschaftlicher Erfolg beruht auf Eigentum und Wettbewerb; keiner schert sich um Nachhaltigkeit, Klimawandel und nachfolgende Generationen; ethisch-moralische Fragen sind irrelevant; Individualismus als einziges Glaubenssystem, das die moralische Einheit des Systems sichert; rationale Begründung der Werte und Grundrechten

Ein Tag im Leben von Fara, 38 Jahre, Data Scientist

Montag, der 10. Oktober 2112 irgendwo in der Mitte Deutschlands

Faras Blick hängt an der Zimmerdecke. 6:15 Uhr mahnt die Digitalanzeige. Ein kurzer Check aller relevanten Daten für heute: sechs Termine, optimale Herzfrequenz bei 75 Schlägen pro Minute, Trainingscircle Update, Proteinempfehlung 120g, ein nicht besonders guter Motivationsschub aus dem Business-Inspire-Channel, Vorschläge zur Erweiterung ihres Netzwerks... Einige Börsenindexe leuchten: SELL bei sysXL Lt. und ROCEE durch einen erneuten Kursverfall. Den nächstmöglichen Call mit ihrem Fond-Experten liefert das System gleich mit.

Abstoßen, Halten? Langsam nervt diese Achterbahnfahrt an der Weltbörse. Jetzt, wo die Pandemie der mutierten Pockenviren seit Monaten gebannt ist und nahezu alle Infizierten tot oder gesund sind, steuert die Pharmabranche auf ein turbulentes Geschäftsjahr zu. Nur das junge Startup FTS (FitToSuccess) hat sich rechtzeitig auf N-Joy Produkte spezialisiert, die vor allem unter den 20 bis 35jährigen als Motivationsbooster oder zur Life-Work-Integration heiß begehrt sind.

ROCEE hingegen, denen es in der Vergangenheit immer wieder gelungen war, unter den Top Sieben der Welt zu landen, bleibt im unternehmerischen Denken Traditionen aus dem 21 Jahrhundert verhaftet und setzt nach wie vor auf klassische Medizin. „Das Management gehört dringend ausgewechselt“, denkt Fara kopfschüttelnd. Wie lange sich doch auch heute noch ein Versager auf der obersten Etage tummeln kann, ohne geschasst zu werden. „Eine echte Lücke im Monitoring“, moniert sie und notiert sich gleich ein Date zu vereinbaren mit ihrem alten Studienfreund, der seit zwei Jahren CEO Finance beim Pharmakonzern ist.

sysXL Lt. will sie eh schon länger abstoßen, nachdem der Konzern aufgrund eines Manipulationsskandals in die Schlagzeilen kam. Am meisten aber ärgert sie sich über Konzernchef Ankerman, der zig Millionen der Kryptowährung Neo Cash veruntreut und sich unangemessen hoch bereichert hat.

Zärtlich streicht sie Frida übers Haar, küsst sie sanft, damit sie nicht aufwacht, und springt aus dem Bett. Das würde ein guter Tag werden. Seit zehn Jahren leben sie nun schon zusammen, und sie freut sich noch jeden Morgen über ihr schlafendes Gesicht, wie nach ihrer ersten Nacht. Frida ist Ärztin an der Fruchtbarkeitsklinik am Alten Stadttor. Heute steht das Treffen mit dem Graviditas-Team auf der Digitalanzeige zur letzten Besprechung der DNA-Bausteine und der Terminierung.

Ihre Lebensgefährtin ist an der Entwicklung einer genialen Methode beteiligt, mit dem Befruchtungs- und Geburtstermine exakt festgelegt werden können. Und zwar so, dass werdende Eltern keinerlei Einschränkungen weder in ihrem Business noch im Privaten haben und Kinder unter optimalen Bedingungen zur Welt kommen können. Es sind zig Faktoren, die dabei eine Rolle spielen und die sie sich bei aller Faszination nicht merken kann. Die Klinikaktien schossen damit in schwindelerregende Höhen.

Frida und sie haben sich lange überlegt, ob und wie sie diesen Schritt in Richtung Familie gehen sollen. Der letzte Anstoß zur Befruchtung kam durch die große Erbschaft, die Fara vor etwa einem Jahr durch den Tod ihres Großvaters bekam, ein begnadeter und sehr erfolgreicher Wissenschaftler. Mit diesem finanziellen Polster in der Waagschale konnten sie sich leicht pro Kind entscheiden. Jetzt ist der Benefit der extrem teuren Befruchtung mit per CRISPR/cas31 kreierten DNA-Bausteinen weitaus höher, als die Kosten, die sie in die Erziehung eines Kindes investieren mussten.

Beim Punkt CreateTheNext haben sich für einen Jungen entschieden mit einem IQ von 230 wie Terence Tao, der Mathematikprofessor aus dem 20. Jahrhundert. Ein Platz in der derzeit angesagtesten KiTa im Distrikt 17 ist bereits ebenso gebucht und bezahlt wie der Rest der elitären Ausbildung ihres zukünftigen Sohnes. Terence sollte er heißen. Sie lächelt zufrieden bei dem Gedanken, künftig zu dritt in ihrem Heim zu sein und eine neue Aufgabe zu haben. „Ich werde wirklich alles dafür tun, dass Terence ohne Bevormundung zu einem mündigen Bürger heranwachsen und erfolgsgekrönt durchs Leben gehen kann“, hat ihr Frida gestern Abend noch ins Ohr geflüstert.

Den wetteradäquaten Bekleidungsvorschlägen der Digitalanzeige folgend holt sie sich die Moonboots aus dem Keller, bevor sie durch den Garten spaziert. Die Begeisterung fürs „Garteln“ kommt von ihrer Großmutter mütterlicherseits. An diesem Morgen liegt die Welt unter einer federleichten weißen Decke des plötzlich einbrechenden Winters. Die zarten Triebe der Frühlingspflanzen sind fest in der Hand des Frostes. Mit einem Schmunzeln inspiziert Fara die Pflanzen und Triebe in den Gewächshäusern und im Freien: Survival of the Fittest. In ein paar Tagen wird sich zeigen, welche der genmanipulierten Kräuter, Sträucher und Blumen sich gegen die unberechenbaren Kapriolen des Wetters durchsetzen. Bereits in ihrer Jugend hatte sie sich dem Experiment zur adaptiven Spezialisierung angeschlossen, ganz im Sinne der Darwin’schen Evolutionstheorie.

Sie besteigt den Teleporter und landet direkt am Schaltpult ihrer Kommandozentrale. Wie gestern im Teammeeting besprochen, soll sie sich heute um die DevOps für die Prozessverbesserungs-Ansätze ihrer Software-Entwicklung kümmern. Vorher aber frönt Fara noch ihrem täglichen Ritual. Sie liebt es, durch die menschenleere Fabrik zu gehen, voller Stolz auf das smarte Unternehmen und ihre Arbeit als Data Scientist und Cloudserver-Spezialistin. Das sich selbst optimierende Routineprogramm ist wirklich gut gelungen und führte zu einer Steigerung der Fehlervermeidung von 76 auf satte 97,3566 Prozent! Der Vorstand ist so zufrieden mit ihrer Entwicklung, dass sie jetzt stolze Besitzerin einer Ferienvilla auf Saint-Jean-Cap-Ferrat und eines stark angewachsenen Aktienpaketes ist.

Bevor sie sich um 10:00 Uhr mit ihren Kollegen zum täglichen Brainstorming in der Box trifft, telefoniert Fara noch schnell mit ihrem Fond-Manager, verkauft sämtliche Anteile von sysXL Lt. und investiert den Betrag umgehend in das Startup FTS. Das sei eine lukrative Entscheidung, versprach ihr Gerard Cuvier. Dann noch ein paar Zeilen an den Studienkollegen bei ROCEE und eine Nachfrage beim Housekeeper, warum die Lichtschranke zwischen Halle 3 und 4 immer noch flimmert. Dieser Mann treibt mich noch in Wahnsinn! „Hören Sie auf, um den heißen Brei zu reden. Wenn es heute Abend nicht funktioniert, wird das Konsequenzen für Sie haben“, schreit sie ihn mit funkelnden Augen an. Der Geduldsfaden war gerissen.

Joshua, Sergej und Poppy sind wieder einmal mitten in einer Diskussion über die effizientesten Wege zur Selbstverwirklichung in einer neoliberalen Lebenswelt, während sie ihre tägliche Ration an Proteinshakes schlürfen. Poppys extreme, ja sogar radikale Position verwirrt sie. Wie kommt sie bloß auf den Gedanken, an einem perfekt funktionierenden Wirtschaftssystem zu zweifeln? Sich Gedanken über Uraltbegriffe wie Werte und Solidarität zu machen? Klar, die Reichen werden reicher, die Armen immer ärmer. Was denn sonst?! Diese verfluchte Schere öffnete sich jetzt der Tendenz nach schon seit über 100 Jahren. Warum sollte sie plötzlich geschlossen werden. Und warum von ihnen?

„Natürlich kann es nicht jeder schaffen, wenn wir es realistisch betrachten“, mischt Fara sich ein: „Unsere Gesellschaft, die von einem ökonomischen Überlebenskampf geprägt ist, muss mit Ungleichheit klar kommen, das gehört dazu. Wer wenig Geld zur Verfügung hat, kann halt auch nur wenig Vermögen bilden. Und diejenigen, die über ein Vermögen verfügen, das nicht konsumiert werden muss, können ihr Vermögen eben stündlich vermehren“, beendet Fara ihre Ausführungen. „Arme haben zwar weniger Geld“, ergänzt Oliver, „Aber auch sie können doch wählen. Schließlich liegt es doch in der Freiheit eines jeden Einzelnen, sich und sein Leben als Projekt zu begreifen und zu definieren. Auch Arme haben die Freiheit, sich zu entscheiden, ob sie heute oder morgen mehr essen oder das Geld für eine lohnende Investition sparen“. Das sei für ihn mehr eine Pflicht als eine Freiheit, verteidigt er mit ernster Miene sein Statement.

„Ich jedenfalls bin überzeugt vom System. Ja, dazu gehört auch ein ökonomischer Überlebenskampf unter verstärkten Konkurrenzbedingungen. Das ist übrigens für mich die Antriebsfeder schlechthin“, schob Fara hinterher, „ohne den das Leben nur halb so spannend und erfüllend wäre“. Die Frage, was sie tun würde, wenn sie keine Prozesse, Systeme und Lebensbedingungen mehr perfektionieren könnte, um schneller und besser als jeder andere auf dem Markt zu sein, beschäftigt sie schon lange. „Ja, das ist mein täglicher Motivationsboost! Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass der Individualismus das einzig wahre Glaubenssystem ist, das die moralische Einheit eines Landes sichern kann“. Damit sei alles gesagt, stimmt ihr Joshua nickend zu und schlägt vor, sich endlich der Agenda der DevOps zu widmen. Den Diskurs über den Umgang mit militanten Systemsprengern verschieben sie augenzwinkernd auf den nächsten Tag.

Auf dem Weg zu ihrem Arbeitsplatz kreisen die Gedanken noch einmal zu Poppy: „Ein Alptraum ist ihre Version einer vermeintlich guten Welt, in der die Massen vor der Realität flüchten in eine vermeintlich schönere Welt. Die damit verbundene Suchtgefahr, vergleichbar mit den Tendenzen der Alten mit Multiplayer-Online-Spielen sieht sie wohl nicht.“

Fara ist so in ihre Arbeit versunken, dass sie das Summen ihres Timers fast überhört hätte. In zehn Minuten muss sie in der Fruchtbarkeitsklinik beim Alten Stadttor sein. Schnell wirft sie sich den pinkfarbenen Blazer über die Schultern, den sie sich heute Morgen noch bei Honório bestellt hatte, ein kurzer Blick in den Spiegel und schon steigt sie in den Teleporter. Frida sitzt bereits im Wartezimmer, freudestrahlend mit der Liste ihrer gewünschten DNA-Bausteine wedelnd.

Als optimaler Befruchtungstermin wird der 3. März, für die Geburt der 8. August vorgeschlagen. „Das sei zwar nur eine fünfmonatige Schwangerschaft, aber mit dem mehrfach erprobten Wachstumssekret sehe sie kein Problem“, erklärte Eva-Maria Nilson und fragt, wie es denn an diesen Tagen mit ihren Terminen aussähe. Die erst 35jährige Professorinnen hat bereits zwei Doktortitel und etliche Auszeichnungen als Mikrobiologin und gilt weltweit als Koryphäe auf dem Gebiet der Fortpflanzungsmedizin und der Psychopharmalogie.

Nach einer guten Stunde ist alles gebucht. Frida und Fara machen sich auf den Heimweg, ausnahmsweise zu Fuß, weil sie noch die Moonboots und die Thermooveralls tragen und schon lange keine Frischluft mehr geatmet haben. Die Welt ist nicht nur in eine federleichte weiße Decke gehüllt, sondern auch in Stille. Nur vereinzelt begegnen sie Spaziergängern. Sie tauchen ein in die Stille und wechseln kein Wort. Fridas Augen aber glänzen und ab und zu hüpft sie vor Freude in die Luft, läuft ein paar Schritte und zieht Fara einfach mit sich.

Frida schlägt vor, zur Feier des Tages einen besonders edlen Tropfen zu köpfen. Die Wahl fällt auf eine Flasche OpusOne aus dem Jahr 2113 von Mondavi & Rothschild aus Napa Valley. Ein sündteures Vergnügen, aber dieser Tag ist es wert! Und das große, nicht ganz durchgebratene Rindersteak passt einfach perfekt dazu. Eine willkommene Abwechslung zur üblichen Molekularküche und eine Geschmacksexplosion der Extraklasse. Perfekter könnte dieser Tag nicht sein, denkt Fara nach einem ausgiebigen Liebesakt. Noch nie zuvor habe sie Sex mit einem Menschen erlebt, der so leidenschaftlich, prickelnd und zärtlich ist.

Plötzlich kommt ihr Poppy wieder in den Sinn, und sie freut sich insgeheim schon auf den morgigen Diskurs. Dieses Mal werde sie ihr den alten Karl Marx um die Ohren „hauen“, sobald sie wieder die Notwendigkeit von Werten und die Anbindung an ein Göttliches aufs Tablett bringt. Ja, die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüt einer herzlosen Welt und das Opium des Volkes... Also eine Art Schmerzbetäubungsmittel gluckst sie und Frida wirft ihr einen erstaunten Blick zu, bevor sie beide eng umschlungen in den Schlaf fallen.