Ursula: Kniffel auf Station 8​

Ein Szenario aus dem Jahr 2030 mit den Dimensionen: Zusammenarbeit online - Zusammenarbeit offline

#sonstige Orte, #Arbeitswelt, #Infrastruktur, #Technik

Autor:innen: Julia // Attraktor:innen: #1

Zwischenmenschlichen Beziehungen wichtiger denn je; Karriere ist nicht mehr wichtig, soziale Themen stehen im Vordergrund. Um den Menschen und die Kommunikation in den Vordergrund zu stellen, gibt es statt Büros viele in der Stadt verteilte Working-Spots. Geschäftstermine werden in den eigenen vier Wänden oder in den Alltag integriert. Auch den Kindern wird schon früh Flexibilität beigebracht, und sie haben die Freiheit zu entscheiden, wann sie was und wo sie lernen. Statt in Schulgebäuden lernen sie in kleinen Team-Stationen, die in der Stadt verteilt sind.

Ein Tag aus dem Leben von Ursula, 35 Jahre, Krankenschwester
Freitag, 18. Oktober 2030 in Düsseldorf

Langsam wache ich durch das Vogelgezwitscher von meinen Lautsprechern neben meinem Bett auf. Leicht wehmütig denke ich an die Zeit, als ich noch von echten Vögeln geweckt wurde. Das ist Vergangenheit. Trotzdem freudig begebe ich mich auf den Weg ins Bad. Auf dem Fensterbrett steht bereits mein frischer Kaffee. Jeden Morgen pünktlich, wenn ich wach werde, bereitet ihn mein Kaffeeautomat automatisch zu. Auf meinem Spiegelbildschirm sind bereits die heutigen Aufgaben für meinen Dienst zu sehen.

Seit meiner abgeschlossenen Krankenschwesterausbildung im Jahr 2023 hat sich sehr viel verändert. Der Schichtdienst damals hat mich sehr gequält und mein Stresslevel war dementsprechend hoch. Fast hätte ich meinen Beruf aufgegeben. Aber seit der Gesundheitsreform im Jahre 2029 hat sich mein Leben schlagartig geändert. Heute kann ich sagen, ich liebe meinen Beruf!

Ich betreue die Station 8 zwei Straße weiter, eine von vielen Krankenstationen in meiner Stadt. Gerade habe ich sechs Patienten dort. Bei dem Gedanken an meine Patienten muss ich schmunzeln. Auf meiner Station geht es immer recht lustig zu. Dort werden alle Senioren nach Knochen-Operationen untergebracht. Meine Senioren lieben es, Kniffel zu spielen. Eines der wenigen Oldschool-Spiele, die heutzutage noch gespielt werden. Ich swipe auf meinem Spiegel nach links. Den Computerdaten und der Roboteranalyse nach kann heute Johann entlassen werden.

Als ich die Küche betrete, wartet schon meine achtjährige Tochter hungrig auf das Frühstück. Heute werde ich sie mit meinem Hover-Scooter mitnehmen. Sonst fahre ich immer noch auf die altmodische Weise mit meinem Mountainbike, aber heute hat sich meine naturverliebte Tochter in einen Teamworkshop „Biologie“ eingetragen. Deswegen werde ich sie auf dem Weg zu meiner Station zu ihrem heutigen Workspot bringen. Meine Schicht kann ich dank der Gesundheitsreform frei wählen. Deswegen werde ich heute auch nur vier Stunden arbeiten und dann meine Tochter wieder abholen.

Eine Stunde später betrete ich gut gelaunt meine Station. Die Station muss nicht immer besetzt sein. Die Patienten werden von Robotern und Hilfstechnologien gepflegt. Mit der Sprachsteuerung können die Patienten die Roboter steuern. Wir Krankenschwestern sind nicht mehr für das Waschen und die Körperpflege der Patienten zuständig. Nur unsere medizinischen Fachkenntnisse werden noch gebraucht. Wir untersuchen nochmal die Wunden der Patienten, aber zu unseren wichtigsten Aufgaben zählt die seelische Unterstützung der Patienten. Vielen Studien lange vor der Gesundheitsreform haben ergeben, dass Patienten viel schneller heilen, wenn ihre Seele gepflegt wird und sie Zuneigung von anderen Menschen bekommen. Und das ist genau das, was ich diese vier Stunden machen werde. Meinen Patienten so gut es geht zu helfen, damit sie schnell genesen.

„Guten Morgen Ursulaaa!“, höre ich schon freudige Stimmen um die Ecke rufen. „Na, wie geht’s deiner Tochter?“ Ich muss grinsen. Seitdem ich einmal meine Zweijährige auf die Station mitgenommen habe, können sie gar nicht mehr genug von ihr bekommen. Ich teile ein Bild mit meinen Patienten auf dem Bildschirm und verspreche meinen Patienten, die Kleine nächste Woche wieder mitzubringen. „Das war sie heute mit Nutella verschmiertem Mund“, lache ich.

Ein lauter Klingelton ertönt. „Ach, das muss das Sushi von meinem Lieblingsrestaurant sein“, Rita klatscht in die Hände, als sich die Speiseklappe im Zimmer öffnet und das Essen zu ihrem Bett fährt. Ich leiste ihr noch Gesellschaft beim Essen, desinfiziere danach meine Hänge, gehe zu Johann hinüber. Den Verband abwickelnd bestätige ich nochmal die Vordiagnose des Roboters. „Sieht super aus Johann. Du darfst heute wieder nach Hause!“ Sein Lachen war ansteckend.

Schnell schwinge ich mich auf meinen Hover-Scooter, die Sporttasche auf dem Rücken, um noch ein paar Runden Aufwärmtraining im Boxstudio zu absolvieren.

Nachdem die Kinder im Bett sind, klicke ich auf meine „Gardening-Videothek“ und freue mich, dass sich das Duell der Gartenprofis heute um den japanischen Baumschnitt dreht. „Das probiere ich gleich am Wochenende in meinem kleinen virtuellen Garten-Stückle aus“, freue ich mich und logge mich noch schnell in unseren Kreis der „Grünen-Daumen“, mit dem ich mich seit Jahren berate. Wir wollen uns gleich am Sonntag treffen, um endlich einen japanischen Garten anzulegen. Ich freue mich und tauche ein ins Land der Träume.