Harald: Wieder mal abgestuft​

Ein Szenario aus dem Jahr 2036 mit den Dimensionen: Sinnhaftigkeit - Profit

#sonstige Orte, #Arbeitswelt, #Gemeinschaft, #Infrastruktur

Autor:innen: Gabi // Attraktor:innen: #1

Wir leben in einer Welt, in der sinnhafter Profit das größte Ziel ist. Mobilität ist nicht hoch angesiedelt, d.h. man muss nicht mehr an jeden Ort dieser Welt reisen. Die Umstellung in ein sinnhaftes Profitdenken ist anstrengend und ggf. wird diese Welt anfänglich stark reglementiert werden. Es gibt Plattformen, die Unternehmen ethisch bewerten (Wertekurs statt Daxkurs). Innovationen sind wichtig, um diese Ziele zu erreichen. Ziele werden gemeinsam definiert, um die Sinnhaftigkeit erreichen zu können (z.B. Tierhaltung).

Ein Tag aus dem Leben von Harald, 48 Jahre, Versicherungsvertreter 

Mittwoch, 17. Dezember 2036 in der Nähe von Frankfurt

Harald wirft seine Tennistasche in die Ecke, er war so was von sauer. Schon wieder im Doppel gegen die Schmidhubers verloren. Dabei spielen die so was von lahm, vielleicht sollte er sich einen neuen Partner suchen, einen der die Asse setzt wie damals Roger Federer. Und dann auch noch die Nachricht seines Freundes von der Aufsichtsbehörde, dass seine Firma herabgestuft werden wird, weil sie sich nicht an die Nachhaltigkeitsregeln gehalten habe bei ihren Investitionen. Wie können die da oben, bloß so einen Blödsinn machen und in eine Firma investieren, die sich nicht an eine faire Lieferkette halten. Er könnte... Selina saß am Computer.

Harald: "Jetzt ist die Firma doch tatsächlich runtergestuft worden – zu wenig nachhaltig, na klar, hab ich ja schon lange kommen sehen."
Selina: "Oh weia, echt?"
Harald: "Mit immer den gleichen Innovationsprozessen kommst Du nicht weiter, ist ja auch ein Widerspruch in sich: Wenn du eine ständig wandelnde professionelle Umgebung hast und dann innovativ sein willst mit uralten Prozessen. So ein Unsinn. Da war ja gar nichts Innovatives mehr."
Selina: "Aber die Leute, deine Kollegen...?"
Harald: "Der ganze Laden vibriert ja nur noch vor Resignation. Ich höre Schreber schon rezitieren: 'Profitable UND sinnhafte Versicherungen sind kaum zu realisieren.' Und wenn ich sage: Selbst Firmen, die Katzenstreu herstellen, lassen sich ständig was Neues einfallen, dann sagt der nur: 'Aber die negativen Kommentare in den Foren, die Kritiken über die Firma!' Jaja, die stellen uns bloß, die diffamieren uns als unsinnig. Aber du weißt es ja: Meine Abschlüsse draußen in der Welt sind zwar nicht mehr der Burner, aber ich bin immer noch besser als die meisten Kollegen."
Selina: "Ja, aber auch nur, weil du dir die Tier-Versicherungen hast zuteilen lassen. Mit den Hühnerhäusern und Fischteichen und Weiden und Ställen, da hattest du wirklich Glück, die bekommen zu haben. Die werden immer gebraucht.
Harald: Meine Liebe, das war nicht nur Glück! Vergiss du nicht auch noch, dass ich es ja war, der die Versicherungsnehmer mit den Beratern zusammen gebracht habe. Sonst hätten die nämlich gar nichts bei mir abgeschlossen. Der Clou ist, dass du denen geschickt das Tierwohl und gleichzeitig die größte Ausbeute garantierst. Nur dann zahlen die auch ordentliche Prämien." 
Selina: "Na, wir haben auf jeden Fall bis her ganz gut davon gelebt. Aber nicht nur wegen dir..."
Harald: "Na ja, überleg mal, meine Kunden sind fast nie in Regress gekommen oder hatten nur ganz selten Strafen an die Nachhaltigkeitsbehörde zahlen müssen." 
Selina: "Wie ernst ist es denn? Musst du dir jetzt was Neues suchen, mit dieser schlechten Bewertung?" 
Harald: "Hm. Ich denke schon die ganze Zeit darüber nach. Ich glaube, ich werde mich selbstständig machen, mit Versicherungen. Ich weiß, ich weiß... das ist kein neuer Gedanke von mir. Meine Idee ist es, nicht die üblichen 10 Prozent, sondern ganze 25 Prozent der Versicherungsbeiträge an gemeinnützige Organisationen abzugeben. Das wird der Renner. Die Firma hatte sich das ja nie leisten können wegen all der Zusatzleistungen, die sie an die Mitarbeiter zahlen müssen. Da wäre der Profit gleich am Boden gelegen. Aber als Selbstständiger, als Alleinkämpfer hab ich da viel mehr Gestaltungsmöglichkeiten."
Selina: "Puh, das ist ganz schön riskant. Hast du dir das denn schon mal durchrechnet? Einen fundierten Businessplan erstellt?"
Harald: "Hab ich schon, mit etwas Glück käme ich gut hin. Glaub mir, der Gedanke macht mich grade ganz kribbelig, am liebsten würde ich sofort starten."
Selina: "Mich eher nervös. Zur Not haben wir ja noch die Nachhaltigkeitsaktien in petto. Apropos, wir müssen die Aktien deiner Firma schnellstens verkaufen – machst du das bitte gleich?
Harald: Ja, warte mal..."
Selina: "Und dann kaufe doch gleich noch ein paar Aktien von dieser neuen Firma, die dieses neue Verfahren zur Energiegewinnung auf den Markt gebracht hat. Ich habe gestern gelesen, dass die Aktien durch die Decke gehen werden, wenn die Nachfrage so bleibt." 
Harald: "Mann, Selina, ich weiß echt nicht, wo du dir immer deine Infos herholst, alles Fake. Der ÖkoEco-Spiegel hat der Firma gerade eine grässliche Bewertung gegeben. Einer vom Vorstand hat es denen zugespielt, dass sie mit Fracking arbeiten wollen. Hochspekulativ, sage ich dir, vermutlich machen die eine super Rendite, aber wenn das rauskommt, dass wir da investiert haben, wird kein Kunde mehr bei mir abschließen."
Selina: "Schon gut, war ja nur ein Witz…" 
Harald: "Also kaufe ich FairTrade wie immer. Erledigt verkauft und gekauft. Wenn ich selbständig bin, werde ich wohl weniger zum Tennisspielen kommen. Und mal eben so früher mit dem Arbeiten aufhören und mit Freunden essen wird dann auch nicht mehr so easy gehen." 
Selina: Jetzt mal halblang, Harald. Erstens lässt der Staat dich mit Sicherheit nicht hängen. Mit deinem Hintergrund wirst du eine super Förderung bekommen. Ich weiß zwar nicht, wie lange das dann läuft, aber... Und danach sorgen die da oben schon auch dafür, dass du nicht Pleite gehst, am Ende brauchen sie ja auch deine Steuern, um hier alles am Laufen zu halten. Die lassen dich schon nicht zum Kostenfaktor werden, da wären die ja blöd." 
Harald: "Ich kann die Vorstellung nicht ausstehen, dass ich nicht selbst für mich sorgen kann."
Selina: "Na ja, ich bin ja auch noch da, mein Lieber. Die Hälfte unseres Einkommens kommt von mir, das vergisst du gerne." 
Harald: "Ne, ne, ist mir klar, aber dein Business kann jederzeit in die Hose gehen. Wenn dich mal eine deiner Kundinnen verrät oder ein Kind mal was ausplappert, dann sind wir deine Einkommensquelle in Windeseile los." 
Selina: "Dann mach ich eben einen neuen Laden auf. Wenn Brustvergrößerung nicht mehr geht, dann gehen Augenbrauen-Tattoos oder Fettabsaugung. Da mache dir mal um mich keine Sorgen, Ideen habe ich genug und die Nachfrage ist riesig, auch wenn es nicht ganz koscher ist. Frauen wollen immer anders aussehen, als sie es tun, mein Lieber."
Harald: "Ich möchte es eigentlich gar nicht so genau wissen. Das, was du machst, ist und bleibt prekär. Du weißt ganz genau, dass immer, jederzeit dazu kommen kann, dass du entdeckt bist, egal ob mit Laden eins, zwei oder drei und wenn sie dich mal auf dem Kieker haben, dann machst du gar nichts mehr auf." 
Selina: "Vielleicht, aber du oder ich oder wir gemeinsam können immer noch unseren Garten reaktivieren. Gemüse bringt gute Erträge, vor allem für Blumen könnten wir geradezu Höchstpreise verlangen, weil Nachbarn nur noch Nützliches anbauen, da sind Blumen Mangelware." 
Harald: "Da darf nur nicht wieder einer aus der Nachhaltigkeitsbehörde auf den Gedanken kommen, den Anbau von Blumen doch noch zu besteuern. 
Selina: Manchmal machst du mich ganz kirre mit deinen Bedenken. Wenn es nach dir ginge, hätte ich mir nicht den kleinsten Luxus leisten können. Ich liebe meine Krokodillederhandtaschen und wir könnten uns nicht ab und zu ein Ecstasy genehmigen, die du übrigens auch mal ganz gerne nimmst." 
Harald: "Bitte, Selina, nicht das schon wieder! Du weißt, was ich davon halte." 
Selina: "Wir reden immer nur über die Scheiß-Nachhaltigkeit, könnten wir auch mal über was Schönes reden? Über sinnlose Kunst, überflüssigen Luxus, Marken ohne FairTrade-Siegel? Über Filme, die auch mal ein bisschen härteren Sex zeigen oder knallharte Krimis?"
Harald: "Selina, bitte! Nicht heute. Ich mag nichts Verbotenes, und die Stystemflüchtler im Untergrund schon gar nicht. Tu du, was du nicht lassen kannst, aber halte mich da bitte raus. Das war unser Deal. Mir gefällt unser Leben und wenn du keine Ecstasy mehr bringst, ist mir das auch egal. Ich will und ich kann keine Firmen oder Gruppen unterstützen, die was systemkritisches oder illegales machen." 
Selina: "Und ich will nicht, dass du mein Bedürfnis nach ein bisschen härteren Filmen oder mein Vergnügen an einer Ästhetik, die ein bisschen 'off' ist, verunglimpfst. Und ich mag es nicht, dass du meinen Beruf verachtest, immerhin mache ich was, der vielen Frauen hilft, sich schöner und wohler und besser zu fühlen." 
Harald: "Ja, ich respektiere das ja auch, aber ich würde mich wohler fühlen, wenn dein Profit von was käme, was nicht so sinnlos ist, wenn du mit deiner Arbeit einen wertvollen Beitrag zur Gesellschaft leisten würdest. Bitte, Claudia, lass uns nicht mehr darüber reden, wir kommen da nie weiter." 
Selina: "OK, aber nur, wenn du endlich zugibst, dass eure Versicherungen auch nur pseudosinnhaft sind. Was für einen Sinn hat das denn, wenn ihr ganz tolle Ställe versichert, so dass den Kühen da drin die größtmögliche Milchmenge abgezapft werden kann, aber diese Kühe von ihren Kälbern getrennt werden, denen sie eigentlich ihre Milch geben wollen. Das mein Lieber, nenne ich scheinheilig."
Harald: "Aber immerhin leben die Kühe gut, sie haben Platz und werden umsorgt. Kennst du schon den neuesten Haltungskompass von der BayTec?"
Selina: "Du regst dich immer über Scheinheiligkeit auf, dabei bist du es selber!" 
Harald: "Wir müssen alle den Zwang des Faktischen akzeptieren. Und außerdem meine ich die Scheinheiligkeit der Firmen, das weißt du ganz genau." 
Selina: "Aber es sind doch die ehemaligen Nestés, die plötzlich als „Nesté Green“ schöne Ställe und Weiden für Kühe kaufen. Und diesen Säugetieren dann ihre Säuger nehmen..."
Harald: "Du weißt genau, was ich meine. Ich meine die Firmen, die auf der Welle mitreiten." 
Selina: "Genau!"
Harald: "Ich unterhalte mich jetzt nicht mit dir über die 'Nestés Green' dieser Welt. Apropos: in der letzten Ausgabe von 'Gärtners Freude' stand, dass die Tomatensamen von 'Monsanto Bio' sehr fruchtbar sein sollen und im Handelsblatt haben sie eine super Nachhaltigkeits-Bewertung bekommen. Soll ich mal ein paar Samen kaufen für unseren Garten? Und vielleicht noch ein paar Aktien von denen?"
Selina: "Ach Harald, das ist so typisch... von mir aus, kauf deine Samen und kauf die Aktien. Und lass uns heute Abend unsere Mädels zum Essen einladen, wir haben 1a-Fleisch im Kühler und einen Wein, der im Neuseeland-Glashaus angebaut wurde, der soll laut Onlinebewertungen wirklich so schmecken, als ob er aus Neuseeland käme. Ich rufe sie schnell an, Henrike hat sicher viel zu erzählen von ihrem neuen Job im Recyclingamt. Ich glaube, sie ist total begeistert und glücklich, dass sie endlich arbeiten kann." 
Harald: "OK, ich bestell das g’schwind – ach schau mal, da ist noch einer, der bekommt noch bessere Nachhaltigkeitsratings bei Amazon. ‘N bisschen teurer, aber einen Stern mehr. Super!"