Eva: Abwanderung in Musterhausen​

Ein Szenario aus dem Jahr 2026 mit den Dimensionen: Pandemie - Bürgerbeteiligung

#sonstige Orte, #Gemeinschaft, #Gesundheit & Ernährung, #Politik

Autor:innen: Hermann // Attraktor:innen: #1

Die Kommunalwahl hat die Mehrheitsverhältnisse im neuen Gemeinderat von Musterhausen völlig gedreht. Obendrauf kommt noch die Ausnahme-situation durch die zweite Pandemie. Nichts läuft mehr wie normal, gewohnte Strukturen und Arbeitsweisen brechen genauso weg wie die Steuereinnahmen, das Vorzeigeunternehmen im Ort hat bereits Konkurs angemeldet, die Bürger*innen sind größtenteils mit existentiellen Problemen beschäftigt und einer Mehrbelastung durchdie zwangsweisen Betreuungsengpässe.

Ein Tag im Leben von Eva, 42 Jahre, weiblich, Bürgermeisterin

Dienstag, 24. November 2026 im Allgäu

Der Süddeutsche Kurier berichtet in seiner Wochenend-ausgabe über die angespannte Haushaltslage in allen bayerischen Kommunen: Die Situation durch die erneute Pandemie ist auch für die Mandatsträger*innen denkbar ungünstig, um ihre politischen Ideen und Forderungen, mit denen sie und ihre Partei im Frühling in den Wahlkampf gezogen waren, weiterzuverfolgen und entsprechende Anträge dazu einzureichen. Klamme Haushaltskasse, harte Vorgaben, die Herausforderungen des Klimawandels, das umstrittene Gewerbegebiet, soziale Strukturprojekte, Verkehrschaos und die Herausforderungen der Digitalisierung – die Liste ist lang. Hinzu kommt die Gefahr der Abwanderung kleiner Handwerksbetriebe und Geschäfte durch die hohen Mietpreise, die ständig drohende Gefahr des Hochwassers... Und trotzdem hat die Gemeinde eine starke Tradition von Bürgersinn und gemeinwohlorientiertem Engagement.

„Wenn wir jetzt bei den anstehenden Projekten zu schnell oder zu forsch vorgehen, dann kann leicht der Eindruck entstehen, dass wir die Zukunftsängste der Menschen und die drohende Rezession nicht ernst nehmen oder gar, dass wir die Verwirrung und Unsicherheit durch die Krisensituation zu unserem Vorteil nutzen wollen, um die geplanten Maßnahmen zum Hochwasserschutz auf die Schnelle durchzudrücken“, merkt Bauamtsleiter Friedel in der Gemeinderatssitzung an. Es folgt eine heftige Auseinandersetzungen über Für und Wider, über die Notwendigkeit, die Kosten und das Zeitfenster... über Erosion, schlechter Speicherfähigkeit der Böden und dem hohen Bodendruck durch die Landwirtschaft und den Sinn des in der Nähe geplanten Neubaugebiets.

Die im März neugewählte Bürgermeisterin Eva Gassner ist seit ihrem Amtsantritt mehr eine Krisenmanagerin als das Oberhaupt der Gemeinde. Eine schlechte Nachricht im Online-Ticker der Gemeinde jagt die andere: Gestern mussten alle Kindergärten und Kindertagesstätten zum dritten Mal hintereinander geschlossen werden, an der Realschule ist mehr als ein Drittel der Lehrkräfte im Krankenstand, das naturwissenschaftlich-technologische Gymnasium in der angrenzenden Gemeinde macht nur noch Online-Unterricht. Der Leerstand in der Innenstadt hatte sich in den letzten fünf Jahren verdreifacht.

Die 42jährige ruft Gemeinderatsmitglieder und Besucher*innen zur Besonnenheit auf und erinnert an die jüngste Studie aus dem bayerischen Staatsministerium und die amtliche Festsetzung von Überschwemmungs-gebiete. Die Verwundbarkeit der Landwirtschaft sei durch den Klimawandel am größten. Die prognostizierte Erhöhung der Temperaturen, der Mangel an Niederschlägen beziehungsweise die zunehmende Gefahr von Blitzregen werde starke Auswirkungen auf den Wasserhaushalt der Region haben, sowohl was das Grundwasser als auch das Hochwasser betrifft. Damit führe kein Weg daran vorbei, als verantwortungsvolle Gemeinde und Risikogebiet endlich ins Tun zu kommen, je schneller, desto besser: „Jetzt geht es darum, dass wir die Voraussetzungen dafür schaffen, dass bei den notwendigen Baumaßnahmen und Veränderungen im Straßenverlauf alle mitgehen. Wirklich alle, nicht nur wir hier im Rat. Hier geht es um echte Partizipation aller, vor allem der Betroffenen!“

Bürgermeisterin und Verwaltung bekommen den Auftrag, bis zur nächsten Sitzung dem Rat Vorschläge zu machen, wie ein entsprechender Bürgerbeteiligungs-prozess aussehen könnte. Oberstes Ziel sei es, die konträren verhärteten Positionen zu klären und die Gemeinde wieder zusammenzuschweißen. Mit der Vorgabe in Zukunft alle wichtigen Projekte, die Stadtentwicklung und Digitalisierung betreffen, angehen zu können, beauftragt die Gemeinde einen Zukunfts-prozess. Es sollen, die Potenziale und Fähigkeiten, die in der Bürgerschaft vorhanden sind, in den Prozess miteinbezogen werden – für ein gemeinschaftliches Vorankommen. Vor allem, weil sich Unmut in der Bevölkerung breit gemacht hatte über die Entschei-dungsprozesse in der Ära des alten Bürgermeister, der über zwei Legislaturperioden im Amt war.

Der Wechsel im Rathaus und in den Mehrheitsverhält-nissen im Gemeinderat geschah deshalb auch im Kontext großer Empörung in der Bürgerschaft. Die Forderungen wurden von der amtierenden Bürgermeisterin aufgenommen und in ihr Wahlprogramm als „Politik des Gehörtwerdens“ eingebaut. Bürgerinnen und Bürger setzen daher große Hoffnung auf den Wechsel an der Rathausspitze in Sachen Transparenz und Bürgerbeteiligung.

Musterhausen startet einen Zukunftsprozess. Nach einer klug kommunizierten Ankündigung beteiligen sich über 600 Bürger*innen an den virtuellen Kreativsessions zu möglichen Szenarien, um gemeinsam die Zukunft der Gemeinde zu imaginieren. Bei der Entwicklung und Umsetzung geht es um „echte“ Partizipation aller Beteiligten und Betroffenen. Dies schafft die Voraussetzungen, dass alle „mitgehen“ und sich letztlich junge Menschen und Senioren, Familien und Singles, Gewerbetreibende und Unternehmen gleichermaßen wohlfühlen.

Als ein Ergebnis entstehen viele neue Netzwerke unter der Bürgerschaft und tiefgehende Dialoge über das, was wünschenswert ist und auch über das, was bei der zukünftigen Stadtentwicklung unbedingt vermieden werden muss. Über Gruppen, soziale Schichten und Bildungshintergründe hinweg, tauschen sich die Menschen aus, wie ihre Musterhausen langfristig lebenswert und liebenswert gestaltet sein soll – ein Ort, in dem man gerne lebt und arbeitet.

Die Vielzahl an konkreten Geschichten von Musterhausen enthalten positive Szenarien und Ideen. Sie zeichnen aber auch Bilder von den Umständen und Zuständen ab, die die Bürger befürchten beziehungsweise überhaupt nicht tolerieren würden. Eine klare Richtschnur, wohin die gemeinsame Reise in Zukunft gehen soll. Die entstehenden Geschichten als eine gemeindeeigene „Bibliothek der Zukünfte“ zu sammeln und zu vermarkten, spricht sich schnell herum. Es gibt mehrere sehr gut besuchte Veranstaltungen, sogenannte „Lange Nächte der Geschichten“, bei denen die Menschen in einer zweiten Beteiligungswelle zusammenkommen und auf eine völlig neue Art und Weise über die Gestaltung der Kommune sprechen. Kreativ und voll sprühender Inspirationen, mit Elan und Tatendrang.

Auf eine natürliche Art und Weise bilden sich dabei Gruppen heraus, die besondere Interessen daran haben die Dinge, die sie für richtig und wichtig halten, in Projekten gemeinsam umzusetzen. Die Beteiligung und Begeisterung in der Bevölkerung von Musterhausen ist groß, und so kommen endlich nicht immer dieselben Bekannten, sondern auch mal neue Gesichter zu Events, Veranstaltungen, Bürgerversammlungen und auch zu den Gemeinderatssitzungen.

Das Beste: Mittels einer Gemeinde-App sind während des ganzen Prozesses zu jedem Zeitpunkt alle Beteiligten informiert, auch darüber, wie zu welchen Projekten entschieden wird und wo man wie weit gekommen Ist. Der Prozess ist der Auftakt einer neuen Gemeinde Identität und natürlich auch eines neuen Hochwasserschutzes, der von einer breiten Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger befürwortet und getragen wird.