Anna: Die ideologische Uhr​

Ein Szenario aus dem Jahr 2080 mit den Dimensionen Soziale Distanz - keine systemrelevanten Jobs

#sonstige Orte, #Arbeitswelt, #Gemeinschaft, #Technik

Autor:innen: Ruth // Attraktor:innen: #1

Die Welt ist digitalisiert. Alle Arbeiten werden von Maschinen (Robotics) erledigt. Totale Abgrenzung und Abschottung der Menschen voneinander. Ich versus die da draußen...

Ein Tag im Leben von Anna, 30, weiblich, Ingenieurin.
Mittwoch, 21. Februar 2080 irgendwo im Süden Bayerns.

James überrascht sie immer wieder aufs Neue. Anna musste lächeln, als er sie zu Tisch bat und ihr Palatschinken servierte – ihre Leibspeise, die es nur selten und auch nur bei ihr gab. James hatte vor einigen Wochen herausgefunden, wie er alle Zutaten im 4-D-Drucker produzieren konnte: Eier, Milch, Mehl, Butter, Salz und Staubzucker und manchmal schaffte er es sogar, eine Art Erdbeermarmelade zu zaubern. Zumindest sah sie so aus, wie auf dem Foto dieser Rezepthomepage aus dem zwanzigsten Jahrhundert. Das war ihre Art der leisen Revolution.

Nicht ganz ungefährlich in Zeiten, in denen leibliche Genüsse vollends untersagt waren, wegen der Pandemiegefahr hieß es. Genauso wie das Verbot jeglichen direkten Kontakts mit Menschen und Tieren. Wie lange dieses Gesetz schon galt, oder ob es überhaupt jemals in ihrem Land so etwas zu essen gegeben hatte, wusste sie nicht. Nicht einmal Sophia hatte sie von diesem jahrhundertealten Rezept erzählt, das sie zufällig im Darknet gefunden hatte. Sie war ihr bester weiblicher VirtualBud, mit der sie sich regelmäßig zweimal die Woche im VR-Studio zum Bodyshapping traf. Wie sie, liebte Sophia auch alles, was einen Hauch von Retro hatte.

Anna lief das Wasser im Mund zusammen. Was für eine Gaumenfreude zwischen all den kobaltblauen Pillen und giftgrünen Drinks, die dreimal täglich mit der Virtuellen Rohrpost auf die Hundertstellsekunde genau bei ihr landeten: 6:25 Uhr, 13:10 Uhr, 19:00 Uhr. Wie in jeder Wohneinheit des Distrikts 83022, in dem sie lebte.

Ja, James war ihr wirklich gut gelungen. Bevor sie sich vor zwei Jahren ihren zweiten PERS_ER programmieren ließ, recherchierte sie monatelang über den perfekten Partner. Sie verschlang alles, was sie über Liebe, Leidenschaft, Vertrauen und Nähe im Darknet finden konnte. Keinesfalls wollte sie eines dieser Dramen erleben, von denen das VT-TV voll war. Ihr erstes männliches Hollogramm hatte sich kurz vor dem Akt plötzlich in Luft aufgelöst und damit auch ihre Chance zur angesetzten Fortpflanzung. Der Kundendienst empfahl ihr, einfach einen Neuen in Auftrag zu geben und dabei besser auf ihre Anforderungen für die Programmierung zu achten. Was für eine Unverschämtheit. Als hätte sie sich davor keine Gedanken gemacht!

Die Frage, wie der neue PERS_ER an ihrer Seite sein sollte, beschäftigte sie seit fünf Jahren. Genauso wie Karam Chand aus dem englischen Bradford, der mit seiner Frau Katari 86 Jahre glücklich verheiratet gewesen sein soll. Was vor 80 Jahren zwischen zwei Menschen möglich war, musste doch auch in ihrer Welt möglich sein. Es soll aber auch Menschen gegeben haben, die sich von einer Beziehung zur nächsten hangelten.

Wie gut, dass heute alles plan- und kontrollierbar ist, dass sich alles auf den eigenen Geschmack, auf die eigenen Bedürfnisse und Fantasien abstimmen lässt, dachte sie. Für Trial-and-Error aber war in 2080 kein Platz. Alles musste perfekt sein, bis ins Kleinste ausgeklügelt und fehlerlos umgesetzt. Und jetzt tickte ihre Uhr. Hoffentlich schaffte sie ihr Soll beim nächsten Versuch. Bis zur Vollendung ihres 31. Lebensjahres musste sie mindestens ein Kind für die Gemeinschaft produziert haben, wie jede Frau im System.

Partnerschaft funktioniere in den wenigsten Fällen von allein – jedenfalls nicht dauerhaft, da gehöre schon ein bisschen Arbeit und Engagement dazu, hatte sie auf einer uralten Website gelesen, deren Namen sie noch im Kopf hatte: „www.zeitzulieben.eu“. Das konnte sie beim besten Willen für ihre Fortpflanzung nicht gebrauchen. Stimulieren, ja, das sollte ihr PER_ER können und die Hygieneregeln kennen. Und während sich mit jeder neuen Information ein eigenartiges Gefühl in ihr breit machte, das sie beim besten Willen nicht zuordnen konnte, formte sich peu à peu ihre männliche Traumfigur.

James sah fast genauso aus, nur bei der Augenfarbe schien dem Programmierunternehmen SciXXM ein irreparabler Fehler unterlaufen zu sein. James kam doch tatsächlich mit zwei unterschiedlich farbigen Augen zu ihr. Anyway, sie war mit sich und James Können vollauf zufrieden. Und in drei Wochen stand die Befruchtung an, so hatte es das staatliche Institut in ihrem VCC-Kalender eingetragen.

Einige ihrer VirtualBuds hatten schon Kinder gezeugt. Sie wusste also aus Erzählungen, wie es ging. Jetzt musste es einfach klappen. Einen zweiten Versuch würde man ihr mit 30 Jahren nicht mehr gewähren. Zu großes Risiko hieß es im staatlichen DocCheck, in dem alle medizinischen Rechte und Pflichten aufgelistet waren. Für Nachwuchs zu sorgen, damit die Menschheit nicht ausstarb, gehörte zu den obersten Bürgerpflichten, genauso wie sich exakt an die Zeiten der Nahrungsaufnahme zu halten.

Anna schüttelte heftig den Kopf. Nein, sie wird nicht noch einmal einen Fehler machen bei der Vorbereitung. James wusste wie alle anderen PERSON_ER alles über den Befruchtungsvorgang und die Aufzucht der Kinder, die das Institut für Gesundheit und Wohlbefinden übernahm. Sie vertraute ihm und seiner Programmierung. Das Reagenzglas wartete steril verpackt auf der Kommode.

Sie bat James ihr eine Alutan zu bringen, das würde ihr jetzt gut tun, ihr Angst und Zweifel nehmen. In letzter Zeit griff sie wieder öfters zu Stimmungsaufhellern, außerdem schmerzte ihre linke Schulter wieder nach diesem arbeitsintensiven VR-Meeting für die neue Fertigungsanlage für die Schutzausrüstungen der Distrikteinheiten. Hoffentlich bahnte sich da nicht wieder eine FrozenShoulder an. Nochmal in die VRClinic zu gehen, davor graute es ihr.

Ein Blick auf die Uhr verriet ihr, dass sie in einer viertel Stunde ihre Wohneinheit verlassen und in ihrem Distrikt spazieren gehen musste. Das Wetter war prima und ein Blick aus dem abgeschlossenen Fenster zeigte ihr, dass ihr Nachbar aus der Wohneinheit 79 bereits wieder nach Hause kam. Jedem Bürger stand pro Tag eine Stunde zur Verfügung. Eine ganze Stunde, um sich „frei“ zu bewegen, um frische Luft zu atmen, die Sonne zu spüren und den Stimmen der Natur zu lauschen. Diese Stunde empfand sie als wohltuend und nicht als eine vom System auferlegte Bürde, wie ihr VirtualBud Thomas sie nannte.

Aber was nutzt die gute Ökobilanz, die sich die Regierung auf die Fahne schrieb und ständig wie ein Mantra wiederholt, dachte sie. Sie konnte es schon nicht mehr hören. Das Einzige, was sie in ihrem Leben wirklich vermisste, war die Freiheit, ihre Wohneinheit zu verlassen, wann immer sie wollte, den Himmel zu sehen, wann sie wollte. Die Freiheit, sich einen eigenen Pfad durch die von der Natur zurückeroberten Umwelt zu suchen, darüber nachzusinnen, ob der linke oder der rechte Weg der schönere sei. Ihr Blick blieb wieder an den zwei uralten Eichen hängen, die nur etwa hundert Meter von ihrem Trampelpfad entfernt auf dem Feld standen, wie zwei Giganten aus einer anderen Zeit.

Das bunte Dickicht um ihre mächtigen Stämme herum war ein Paradies für Vögel und sonstiges Getier. Wie wohltuend dieses Gezwitscher und Gezirpe war, viel schöner als die Elektromusik aus dem VTRD, mit dem sie morgens geweckt wurde. Gestern hatte sie in WomenForNature gelesen, es seien 2079 hundert neue Tierarten gezählt worden. Das Ende der Evolution hatte das System zumindest aufhalten können.

Wie gerne wäre sie nur einmal unter den Kronen dieser beiden Zeugen aus der Vergangenheit sitzen geblieben. Lauschend, beobachtend. Die Versuchung war groß, aber den Schritt zu wagen und den vorgegebenen Pfad zu verlassen, dafür fehlte ihr der Mut. Aus Angst von einer Drohne entdeckt zu werden, aus Angst nicht rechtzeitig den RE-Knopf an ihrer Eingangstüre zu drücken, mit dem sie signalisierte, dass sie wieder zu Hause war und sich der nächste aus ihrem Wohnblock auf den Weg machen konnte.

Die Angst aus dem System gestoßen zu werden, war übermächtig. Und sich den Rebellen aus Distrikt 83088 anzuschließen und in den Untergrund zu gehen, war für sie keine Option. Jetzt nicht. Aber vielleicht der einzige Ausweg, wenn die Fortpflanzung doch schief laufen und ihr das System die Lebensberechtigung entziehen sollte... Aber daran wollte sie jetzt nicht denken.